52 Kurven, fünfeinhalb Kilometer und rund 450 Höhenmeter. Dazu Motoren, die man mitunter schon hört, lange bevor das dazugehörige Auto um die nächste Kehre kommt. Bei der Bernina Gran Turismo 2026 brachte Mercedes-Benz Heritage drei sehr unterschiedliche Kapitel seiner Sportwagengeschichte auf und an die Strecke.
Mehr als 60 Automobile und 20 historische Motorräder kamen vom 11. bis 13. September nach St. Moritz und an den Berninapass. Mercedes hatte einen SSK von 1928 und einen 300 SLR von 1955 für die Gleichmäßigkeitsklasse gemeldet. Dazu gesellte sich ein SLR McLaren Roadster von 2007, der am Freitag für Foto- und Medienaufnahmen über die Passstraße fuhr.
Von den drei Mercedes ist der SSK derjenige, der am Berninapass tatsächlich alte Bekannte treffen könnte, wenn Straßen sprechen könnten. Schon 1929 führte hier ein Bergrennen aus dem Valposchiavo hinauf auf den Pass. Die Strecke war damals rund 16,5 Kilometer lang und damit dreimal so lang wie die heutige. August Momberger gewann im Mercedes-Benz SSK die Sportwagenwertung in 16:05 Minuten.
97 Jahre später durfte wieder ein SSK hinauf. Das Kürzel steht für “Super-Sport-Kurz” und beschreibt erstaunlich sachlich ein Auto, das ansonsten wenig Anlass zur Zurückhaltung gibt. Mercedes hatte den Radstand des Typ SS um 450 Millimeter gekürzt und den mächtigen Sportwagen damit handlicher gemacht. Gerade auf den damals populären Bergrennstrecken zahlte sich das aus.
Auch unter der langen Motorhaube ging es nicht um Bescheidenheit. Der 7,1-Liter-Reihensechszylinder leistete zunächst 180 PS. Wurde der Roots-Kompressor zugeschaltet, waren bis zu 250 PS möglich. Nur 33 SSK entstanden. Sie gewannen unter anderem am Schauinsland, Mont Ventoux, Semmering und Klausenpass. Rudolf Caracciola holte 1930 mit einem SSK die Europa-Bergmeisterschaft.
Am Bernina bekommt diese Erfolgsliste eine ganz konkrete Adresse. Als 1929 die erste Internationale St. Moritzer Automobilwoche ausgetragen wurde, war ein SSK hier kein sorgsam bewachtes Stück Automobilgeschichte, sondern aktuelles Sportgerät. Und sein Fahrer hatte wenig Zeit, die Aussicht zu genießen.
Der zweite Mercedes, der 2026 die Strecke hinauffuhr, kannte den Bernina dagegen bislang nur vom Hörensagen, wenn man auch ihm ein wenig Persönlichkeit zugestehen möchte. Seine eigene Vergangenheit spielte sich auf anderen Straßen ab. Und die Startnummer 658 verrät ziemlich genau, auf welcher.
Es handelt sich um jenen 300 SLR, mit dem Juan Manuel Fangio 1955 bei der Mille Miglia antrat. Der Argentinier absolvierte die rund 1.600 Kilometer ohne Beifahrer und wurde Zweiter. Vor ihm erreichten nur Stirling Moss und Denis Jenkinson im Schwesterauto mit der inzwischen berühmten Startnummer 722 das Ziel.
Gerade einmal 27 Jahre trennen SSK und 300 SLR. Was sich in dieser Zeit technisch getan hatte, lässt sich an beiden Autos trotzdem eindrucksvoll ablesen. Statt 7,1 Liter Hubraum und Kompressor besitzt der 300 SLR einen Dreiliter-Reihenachtzylinder mit Benzindirekteinspritzung. Bis zu 310 PS leistete der Motor. 1955 gewann Mercedes mit dem 300 SLR die Sportwagen-Weltmeisterschaft.
Fast könnte man vergessen, dass Nummer 658 trotz aller heutigen Berühmtheit ein reiner Rennwagen geblieben ist. Eine Straßenzulassung besitzt der 300 SLR nicht. Mercedes musste ihn deshalb im geschlossenen Transporter zum Bernina Hospiz bringen. Erst auf der gesperrten Strecke durfte Fangios ehemaliger Mille-Miglia-Wagen wieder selbst fahren.
Am Freitag kam schließlich der dritte Mercedes ins Spiel. Der SLR McLaren Roadster von 2007 nahm nicht am Wettbewerb teil, sondern fuhr für Foto- und Medienaufnahmen gemeinsam mit dem SSK von St. Moritz in Richtung Berninapass.
Ausgerechnet der mit Abstand jüngste Wagen führt die beiden zuvor erzählten Geschichten zusammen. Die Verbindung zum 300 SLR trägt er bereits im Namen. Auch seitliche Luftöffnungen und die nach vorn und oben öffnenden Türen erinnern bewusst an die Rennsportwagen der 1950er-Jahre.
Unter der Motorhaube reicht die Verwandtschaft dagegen viel weiter zurück. Dort arbeitet ein 5,4-Liter-V8 mit mechanischem Kompressor. 626 PS leistet er, 3,8 Sekunden vergehen von null auf 100 km/h und bei 334 km/h endet der Vortrieb. Vor allem aber verwendet der SLR McLaren damit dasselbe Grundprinzip der mechanischen Aufladung wie der 79 Jahre ältere SSK.
Als beide am Freitag gemeinsam über die Passstraße fuhren, trafen deshalb nicht einfach zwei silberne Mercedes mit sehr unterschiedlichen Geburtsdaten aufeinander. Das charakteristische Heulen ihrer Kompressoren begleitete beide den Berg hinauf. Der 300 SLR steht zeitlich genau zwischen ihnen und zeigt zugleich, dass technische Entwicklung selten einer schnurgeraden Route folgt.
Am Samstagmorgen lag zunächst Nebel über dem Berninapass, die Temperaturen bewegten sich nahe dem Gefrierpunkt. Schon früh machten sich die ersten Teilnehmer auf den Weg zum Hospiz. Ihre Motoren waren weithin im Tal zu hören, während die Autos selbst noch irgendwo zwischen Felswänden, Bäumen und den zahlreichen Kehren verborgen blieben.
Das gehört zu den besonderen Reizen eines Bergrennens. Ein Sound kommt näher, wird lauter, verschwindet kurz wieder hinter einem Hang und plötzlich rauscht das Auto für wenige Sekunden an einem vorbei. Dann sind ein paar Gänge ausgedreht, die nächste Kurve genommen und Ruhe kehrt nur so lange ein, bis sich weiter unten bereits der nächste Teilnehmer ankündigt.
Und am Bernina konnte das akustisch fast alles bedeuten. Mehr als 100 Jahre Fahrzeuggeschichte kamen zusammen. In der Competition-Klasse jagten unter anderem Alfa Romeo 8C Monza, Shelby Cobra 427 S/C, Chevron B8 GT, zwei Lancia Stratos, Porsche 911 2.8 RSR und Toyota Celica 4WD Turbo gegen die Uhr.
In der Gleichmäßigkeitsklasse ging es weniger hektisch, aber nicht weniger interessant zu. Dort trafen Vorkriegsrennwagen auf Sportwagen und Gran Turismos der 1950er- und 1960er-Jahre. Bugatti Type 35 A, Aston Martin DB4 Lightweight, Ferrari 275 GTB Alloy und Maserati A6GCS/53 gehörten dazu. Mittendrin standen der SSK von 1928 und Fangios 300 SLR von 1955.
Weitere Fahrzeuge kamen bei der Bernina Drive Experience außerhalb der Wertung auf die Strecke, darunter ein Audi S1 Quattro, zwei Alfa Romeo Giulia Sprint GTA und ein Gordon Murray Automotive T.50s Niki Lauda. Dazu gesellten sich 20 Motorräder, deren Baujahre ebenfalls mehrere Jahrzehnte umspannten.
Wer eines der Autos nur für wenige Sekunden hatte vorbeifahren sehen, bekam wenig später eine zweite Gelegenheit. Während der Pausen standen die Teilnehmer am Bernina Hospiz, wo Besucher unmittelbar an die Fahrzeuge herantreten und mit Fahrern und Teams sprechen konnten. Große Tribünen und weitläufig abgesperrte Präsentationsflächen gab es nicht.
Nach einem Trainingslauf am Samstag folgten bis Sonntagvormittag die Wertungsläufe. Thomas Amweg gewann die Competition-Klasse auf einem AW Formel 2 und fuhr in allen vier Läufen die Bestzeit. SSK und 300 SLR hatten eine andere Aufgabe. In ihrer Gleichmäßigkeitsklasse zählte nicht die schnellste Fahrt, sondern die möglichst präzise Wiederholung der Zeiten.
Dem SSK dürfte das ein wenig fremd vorgekommen sein, wenn man einem inzwischen 98 Jahre alten Automobil solche Empfindungen zugestehen möchte. Als August Momberger 1929 mit einem SSK den Bernina hinauffuhr, musste er nichts wiederholen und keine Zeit bestätigen. Nach 16 Minuten und fünf Sekunden war er oben. Schneller war an diesem Tag kein anderer Sportwagen.